Letzte Woche, am Samstagabend, ist unser neuer kleiner Mitbewohner zur Welt gekommen. Warum ich damit anfange? Weil mir der Abend und die darauffolgenden Tage deutlich wie noch nie gezeigt haben, wie wenig ich etwas als Gegeben nehmen sollte – und wie wichtig es ist, eine positive Grundeinstellung zu haben und demütig zu sein.

Aber von Anfang an.

Das Intro.

Wehen ab Mitternacht. Um 05.00 Uhr dann im Krankenhaus gewesen, den Tag dort verbracht und abends ging es dann ans Eingemacht.

Nach ganz schön langem Kampf, war es dann endlich soweit und der kleine Erdenbürger schrie zum ersten Mal.

Nach den ersten Tränen – Freude, Erleichterung nach dem langen Warten, dem glücklichen Gesicht der drei anderen Menschen im Raum –, dem ersten Trinken und der ersten Kuscheleinheit, ging es dann an die U1, also die erste Untersuchung des Kleinen.

Alles dran gewesen, was dran gehört. 10 von 10 Punkten bekommen.

Dann wurde das Herz abgehört – und eine Frequenz von 300 Schlägen in der Minute ist doch deutlich zu schnell. Genauer gesagt, mehr als doppelt so schnell, wie es eigentlich sein sollte. Da ich bei der Untersuchung daneben stand, habe ich es so nebenbei mitbekommen … [Kameraschwenk auf die beiden Versionen der nachfolgenden Stunden und Tage].

Die kurze Version der folgenden Tage – Wunschdenken.

Ich: “300 Herzschläge sind ganz schön viel, oder?”.

Ärztin: “Ja, aber wenn das nur kurzfristig so ist, toleriert das Herzchen das. Es kommen jetzt die Kollegen von der Neonatologische Intensivstation. Die schauen sich das an und kümmern sich um den Kleinen.”

Ich: “Dann ist er ja in den besten Händen.”

Schnitt – aufblenden im Nebenzimmer – Team der Neonatologischen Intensivstation bei der Arbeit – Baby wird an die Standard-Überwachung angeschlossen und hat schon einen Zugang bekommen

Arzt: “Herzlichen Glückwunsch! Das schnell schlagende Herzchen ist nicht normal, entsprechend auch nicht gut, aber nichts Schlimmes. Wir schauen jetzt dann Schritt für Schritt, wie das Herzchen zum Normalbetrieb überredet werden kann. So einen Fall haben wir hier ca. alle zwei Monate. Das schnell schlagende Herz, ist für den Moment nicht kritisch, das wird es erst, wenn das über einen längeren Zeitraum so bleibt. Sie sehen ja, dem Kleinen geht es gut. Und es wird ihm auch weiter gut gehen. Sie müssen jetzt nur einen kleinen Moment Geduld haben.”

Ich: “Okidoki, dann ist es ja wirklich nichts Schlimmes – bis gleich.”

Schnitt – zurück im Kreissaal – Hebamme kommt zurück in den Raum

Hebamme: “Vagusreiz hat nicht funktioniert …”

Ich: “Achso, der Vagusreiz also…”.

Hebamme: “… aber als das Medikament vorbereitet wurde, ist das Herz von selbst umgesprungen. Der Arzt kommt gleich nochmal hierüber und gibt euch noch ein paar Infos”.

Ich: “Cooljo”.

Arzt kommt durch die Tür

Arzt: “So, das Herzchen ist von selbst zurückgesprungen, schlägt noch ein bisschen unregelmäßig, aber die Frequenz bleibt unten. Wir müssen den Kleinen aber zur Überwachung hierbehalten. Da wir Platz auf der Intensivstation haben – müsste nicht sein, aber wir haben eben Platz – nehmen wir ihn für den Anfang da mit hin. Sie können ihn jederzeit sehen und immer vorbeikommen. Wir bereiten ihn gerade für die Aufnahme vor, dann kommen wir hier gleich nochmal kurz vorbei.”

Ich: “Sehr gut, so dreht sich alles zum Besten.”

Abblende – Text-Abspann

Der Kleine kam auf die Intensivstation und blieb in den nächsten Tagen stabil. Nach zwei Tagen konnte er dann zusammen mit der Mama ein Zimmer auf der Kinderherz-Station beziehen und nach weiteren Untersuchungen sowie drei weiteren Tagen im Krankenhaus, konnte die kleine Familie glücklich und zufrieden nach Hause gehen.

Die lange Version. Oder: Wenn einem der eigene Kopf im Wege steht.

Zur Erinnerung: 300 Herzschläge in der Minute – mehr als doppelt so schnell.

Ich: “300 Herzschläge sind ganz schön viel, oder?”. Gleichzeitig mein Kopf: “Oh mein Gott. Ein Herzfehler!”

Schnelles Vorspulen, bis zum Punkt, als der Arzt zurück ins Zimmer kommt, um die gute Nachricht zu verkünden, dass sich der Kleine selbst repariert hat und nur zur Überwachung dableiben muss

Ich: “Das’ ja schonmal etwas”. Gleichzeitig mein Kopf: “Ein Herzfehler!! Und noch auf die Intensivstation – da muss was nicht mit rechten Dingen vorgehen!”

Die nächsten beiden Tage habe ich dann irgendwie ein bisschen in Trance erlebt. Immer mit dem Hintergedanken: “Herzfehler!!11! Was, wenn XY passiert.”

Womit ich es mir dann auch nicht unbedingt einfacher gemacht habe:

  • Auf den Monitor starren, um ja zu erkennen, dass das Herz normal schlägt – was ich Hohlbirne aber natürlich mal so gar nicht einschätzen kann.
  • Eigene Diagnosen auf Basis des Herzmonitors erstellt.
  • Jedes Mal Schnappatmung bekommen, wenn der Monitor “Alarm geschlagen” hat – was die Dinger a) sehr gerne und häufig machen, was b) eigentlich zu 99% aber nichts bedeutet.

Ich habe schlicht und einfach nur noch die negativen Dinge gesehen, die positiven Dinge – die bei weitem überwiegen und immer überwiegt haben – hingegen nicht.

Woran das lag? Vermutlich Übermüdung und ein leichtes Gefühlschaos zwischen “ich bin Papa”, “Mama hat das so dermaßen gut gemacht und ich konnte Nichts beitragen” und eben der Fakt, dass der Kleine verkabelt auf der Intensivstation lag. Hat mich ganz schön fertig gemacht, mir extrem lange zwei Tage beschert und meinen Kopf vor eine große Herausforderung gestellt.

Das Ende der “Kopf im Weg”-Version

Ich brauchte eine Busfahrt, eine ruhige Stunde Zuhause, eine Dusche und die Nachricht “du sagst mir immer, ich soll die Dinge positiver sehen – also mach du das jetzt gefälligst auch” sowie (das jetzt natürlich nur für’s Drehbuch) einiges an Tränen, um mich wieder in positiven Normalbetrieb zu bekommen.

Warum diese ganze Geschichte?

Ich bin fest davon überzeugt, dass es Niemandem hilft, sich nur negative Gedanken zu machen. Das zerfrisst einen nur und man kommt in einen echt doofen Strudel, aus dem man erst einmal wieder herauskommen muss. Geschweige denn, dass es den anderen Beteiligten in der Geschichte hilft.

Und noch viel wichtiger: Was ich da durchgemacht habe – mittlerweile klingt es für mich wie ein schlechter Witz –, ist vergleichsweise Pillepalle.

Es war ein kleiner Schock, okay. Aber wie vielen Babys geht es wesentlich schlechter? Wie viele Babys haben keinerlei Chance, eine solche ärztliche Betreuung zu erhalten? Wie viele Babys bekommen im Jahr 2019 (!) nicht einmal die Chance, auf die Welt zu kommen, weil es “nur” Mädchen sind?

Mir, uns in der westlichen Welt geht es dermaßen gut, dass wir solche Dinge gerne ausblenden, wenn es um das eigene Wohlbefinden bzw. das eigene Leben geht. Ich finde, man sollte sich immer wieder bewusst machen, wie privilegiert man leben kann und ein bisschen Demut walten lassen.

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