Vor einigen Jahren bin ich zufällig mal über einen Brief von Jeff Bezos, Gründer und Präsident von Amazon, gestolpert. Jeff Bezos schreibt jedes Jahr einen offenen Brief an die Anteilseigner von Amazon, in dem er Fragen beantwortet und Gedanken mit anderen Menschen teilt – irgendwie sowas.

Man mag über Amazon denken, was man will, aber der Typ scheint schon ein paar Dinge richtig gemacht zu haben.

Entscheidungen treffen

Im Brief an die Anteilseigner aus dem Jahr 2016 schreibt Bezos u. a. darüber, wie wichtig es ist, Entscheidungen zu treffen und das – in Kurzform – im Idealfall schnell. Ohne, dass zunächst lange über einem Problem gebrütet wird oder möglichst alle Risiken abgewogen werden.

Dabei geht es natürlich vor allem um Entscheidungen in Unternehmen. Den Grundgedanken kann man sich aber gut zu Nutze machen, finde ich.

Viele & schnelle Entscheidungen

Mit einer Entscheidung warten, bis 90% aller möglichen Informationen gesammelt sind, um die Entscheidung gründlich abzuwägen, macht den Entscheidungsprozess häufig unnötig langwierig. 70% der Informationen reichen in den meisten Fällen auch aus, gerade wenn man oder ein Unternehmen in der Lage ist, schnell eine Kurskorrektur vorzunehmen.

In Summe wird es ein Unternehmen besser und schneller vorwärtsbringen, wenn viele schnelle 70%-Informations-Entscheidungen getroffen werden und bei schlechten Entscheidungen der Kurs korrigiert wird, als das wenige 90%-Informations-Entscheidung alles ausbremsen.

Disagree & commit

In diesem Rahmen bringt Bezos in seinem Brief drei Wörtchen ins Spiel: disagree and commit.

Mit dem Übersetzen tue ich mir etwas schwer. Ins Deutsche übersetzt geht das so in Richtung:

  • “Sehe ich anders und ich bin dabei.”
  • “Dem stimme ich nicht zu und ich verpflichte mich mit zu machen.”
  • “Sehe ich anders und unterstütze euch.”
  • “Glaube ich nicht dran, aber lass es uns ausprobieren.”

So in die Richtung. Klingt schon ein bisschen widersprüchlich, oder? Stimmt.

Wenn man sich den Hintergrund anschaut, macht es aber total Sinn, finde ich. Es geht schlicht und einfach darum, anderen Menschen oder anderen Ideen sein Vertrauen zu schenken, selbst wenn man im ersten Moment nicht an die Idee oder das Vorhaben glaubt.

Im Beispiel von Jeff Bezos: Ein Team hat ihm die Produktion einer Amazon Original Serie vorgeschlagen – ziemlich kompliziert in der Umsetzung und entsprechend teuer. Das Team war von der Idee aber überzeugt. Anstatt also sein Veto einzulegen, weil er nicht an die Idee geglaubt hat, schrieb Bezos dem Team: “I disagree and commit and hope it becomes the most watched thing we’ve ever made.” – “dem stimme ich nicht zu und bin dabei und hoffe, die Serie wird die am meisten gesehene Serie, die wir je produziert haben”. Ohne noch länger mögliche Risiken abzuwägen oder die fehlenden 20% an Informationen einzuholen.

Ergebnis: elf Emmys, sechs Golden Globes und drei Oscars.

Sich eines Besseren belehren lassen

Nachdem ich den Brief und das Beispiel damals gelesen habe, begleitet mich der Gedanke hinter “disagree and commit”. Wenn jemand an eine Idee glaubt oder etwas (unbedingt) ausprobieren möchte, kann ich mittlerweile gut sagen “glaube ich nicht dran, aber lass es uns ausprobieren” – egal ob nun im Job oder im Privatleben.

Wenn es funktioniert: umso besser. Alle haben etwas gelernt und mein Gegenüber fühlt sich wertgeschätzt.

Wenn es nicht funktioniert: Alle haben etwas gelernt und mein Gegenüber fühlt sich wertgeschätzt.

Natürlich gilt das nicht für Dinge, wo ich bereits genau weiß, was das Ergebnis sein wird: “Papa, ich würde echt gerne auf die heiße Herdplatte fassen. Das ist bestimmt super.” – “Denke ich nicht, unterstütze dich dabei aber total.”

Auch wenn es durchaus Überwindung kosten kann, ein bisschen über seinen Schatten zu springen – zum Beispiel bei fehlenden Antworten auf Warum-Fragen –, ich bin mittlerweile großer Fan von den drei Worten “disagree and commit”!

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